Inspirationen aus Österreich

Ländliche Daseinsvorsorge und gemeinschaftliches Wohnen seit den 1990er Jahren: Inspirierende Menschen in Oberösterreich und Wien haben uns gezeigt, was mit viel Mut und Visionen möglich ist.

Die Zukunftsakademie

Auf Einladung von SPES e.V. Deutschland, EU-gefördert über Erasmus+, waren wir zu Gast bei SPES Österreich. Die SPES Zukunftsakademie – vor fast 35 Jahren gegründet als Denkfabrik und Projektentwickler für ländliche Daseinsvorsorge – begrüßte uns im neuen „Haus der Achtsamkeit“ in Grünau (Almtal). Ab dem 15. Januar 2024 entdeckten wir mit erfahrenen Prozessbegleiter:innen vier Tage lang innovative Projekte im Bereich Kultur, Soziales, Versorgung und Wohnen in ländlichen Gebieten Oberösterreichs.

Teilnehmende bei einem Nahversorgungsprojekt
Teilnehmende der SPES-Exkursion bei einem Nahversorgungsprojekt: Im Kaufhaus von Kleinzell kann auch außerhalb der Öffnungszeiten in Selbstbedienung eingekauft werden.
Johannes Brandl
„Mitbestimmung ist Lebensqualität“: Johannes Brandl von der Geschäftsleitung der SPES Zukunftsakadmie und tätig in der Gemeinde- und Regionalentwicklung

Umsetzung statt Zaghaftigkeit

Das Motto auf allen Seiten – d.h. von SPES in Kooperation mit Kommunen, Unternehmen und Zivilgesellschaft – lautet: Machen. Pack es an! Hier geht es nicht um jahrelange Konzeptentwicklung, sondern darum, realistische und Bürger:innen-nahe Projekte umzusetzen. Dabei soll das Rad nicht jedes Mal neu erfunden werden: SPES arbeitet mit erprobten Zukunftsmodellen, die auf örtliche Verhältnisse mittels partizipativer Prozesse angepasst werden.

Beispiele

Zudem entstehen keine isolierten Insellösungen, sondern multifunktionale Angebote: Das alte Gasthaus in St. Stefan-Afiesl erhält neuen Glanz als Bürger:innen-Genossenschaft und subventioniert gleichzeitig einen kleinen Selbstbedienungsladen mit Produkten des täglichen Bedarfs (Stefansplatzerl). Das Wohnen mit Service entsteht in einer leerstehenden Immobilie im Zentrum der Ortschaft Kleinzell und vermietet auch kleine Gewerbeeinheiten. Der Co-Working-Space als Umbau des ehemaligen Festaals einer Gastwirtschaft, bietet seinen Meetingraum kostengünstig und unbürokratisch lokalen Vereinen und Initiativen für Sitzungen an (PostWerkStatt).

Neben dieser Gemeinsamkeit eines multifunktionalen Ansatzes, bestehen klare Unterschiede in Strategie und Aufwand. Manchmal reicht eine sehr kleine Lösung für den Bedarf im ländlichen Raum: Die Tagesbetreuung, als eine Kooperation von sechs Gemeinden im Hansbergland, bietet täglich sechs Plätze für ältere Menschen. Sie ist in einer Dorfschule integriert, wo sich auch noch ein Kindergarten befindet (Alt Na(h)und im Hansbergland). Eine große umfassende Lösung konnten die Teilnehmenden der Exkursion noch in Deutschland (auf der Anreise nach Österreich) begutachten: Dort sind im Ort Bernstadt im Alb-Donau-Kreis Tagespflege und Betreutes Wohnen nur eine Komponente einer umfassenden neuen Ortskernentwicklung: „Leben und Wohnen am Burgplatz“ bietet zentral verschiedenste Leistungen der Daseinsvorsorge.

Stefansplatzerl, Oberösterreich
Im Stefansplatzerl – eine Idee aus der Dorfbeteiligung: Gemütliche Sitzecke mit Möglichkeit, die Kinder zu beaufsichtigen
„Wohnen mit Service“ in Kleinzell, Oberösterreich
Das zwgl-Team vor dem Umbauprojekt „Wohnen mit Service“ in Kleinzell
PostWerkStatt, Ottensheim, Oberösterreich
Die PostWerkStatt, Ottensheim: Co-Working über dem Wirtshaus, zentrumsnah und eingebunden in Gemeinwesen und Lokalökonomie
Beispiel gemütlicher Aufenthaltsraum
Ob Tagesbetreuung/-pflege oder Betreutes Wohnen für ältere Menschen: Gemütliche Aufenthaltsräume gehören für das Gemeinschaftsgefühl dazu (hier in Bernstadt, Baden-Württemberg)

Motivation und Solidarität

Wieder wurde es bei den vielen Beispielen deutlich: Es braucht Menschen an der Spitze der Projekte, die mit Leidenschaft für ein Thema und für solidarisches Miteinander brennen. Sie sind aber nur erfolgreich, wenn sie vor Ort Allianzen und Partnerschaften auf Augenhöhe bilden – als Schlüsselfaktor für die nachhaltige Umsetzung solcher Projekte.

Gemeinschaftliches Wohnen seit den 1990er Jahren

In unserem eigenen Kernthema – dem gemeinschaftlichen Wohnen – nahmen wir beeindruckende Bilder von einem 500 Jahre alten Vierkanter (Bauernhof) in Garsten bei Steyr mit: Im Mairhof wohnen seit 2017 16 Frauen, 8 Männer und 16 Kinder in insgesamt 20 Wohnungen. Im tropischen Innenhof (befeuchtet durch einen Pool und beheizt durch Sonnenenergie, die durchs Glasdach fällt) wachsen Bananen und im sozialen Miteinander neue Ansätze der Selbstverwaltung: Als das Plenum als Hauptkommunikationsform zur Last wurde, stellte man auf Soziokratie um: In Arbeitskreisen werden nun bestimmte Entscheidungen teilautonom getroffen oder Delegierte besprechen diese in der zentralen Versammlung. Nicht jeder muss sich mit allem beschäftigen. Gegenseitiges Vertrauen ist die Grundlage dafür.

Im viel kleineren Projekt des Atriumsbau Ottensheim hat man ausgeklügelte Routinen erschaffen, wie die überdachten Gemeinschaftsflächen zwischen den sechs Einzelhäusern mit je einer Familie gepflegt werden. Sich aufeinander einstellen braucht Geduld. Dafür erhält man einen einzigartigen Freiraum zum Feiern und Spielen vor der eigenen Haustür.

Innenhof des Wohnprojektes Mairhof, Oberösterreich
Innenhof des Wohnprojektes Mairhof mit abgedecktem Pool (vorne, grau) und Bananenstauden (hinten)
Gruppenfotos vor dem Wohnprojekt-Wien
Mit den zwgl-Kolleg:innen vor dem Wohnprojekt-Wien
Wohnprojekt Sargfabrik, Wien
Blick über das Wohnprojekt Sargfabrik mit dem alten Schornstein und Dachgärten im Hintergrund
Bibliothek im Wohnprojekt Wien
Von der Bibliothek im Wohnprojekt Wien kann man über die Dächer der Nachbarschaft sehen

Nach unserer SPES-Reise warteten in Wien die Großprojekte „Wohnprojekt Wien“ und „Sargfabrik“ auf uns: Die Sargfabrik (200 Bewohner:innen), ist in vielen Aspekten Pionierin der städtischen Gemeinschaftsprojekte in Selbstverwaltung, Erstbezug 1996. Besonders interessant sind hier die Langzeitbeobachtungen zu den Möglichkeiten und Grenzen eines Generationenwechsels: Ältere Bewohner:innen schätzen ihr Zuhause und vertrautes Umfeld sehr, jüngere Familien kommen nur nach und nach zum Zuge. Im dichten städtischen Raum sind Erweiterungen kaum möglich. Aber die Ausstrahlungskraft in das Quartier und über die Grenzen Österreichs ist ungebremst: Die ungewöhnlich mutige Architektur und kulturellen Angebote der Sargfabrik sind ihr Aushängeschild.

INI-Impuls-Veranstaltung: Das nächste Wohnen

Das Wohnprojekt Wien (70 Erwachsene und 30 Kinder) war unsere Herberge für drei Tage und Veranstaltungsort eines Themenabends am 19. Januar 2024, den wir als Beratungskollektiv mitgestaltet haben unter Federführung von Leo Baumfeld und der Initiative Gemeinsam Bauen & Wohnen (INIGBW): „Das nächste Wohnen – Herausforderungen und Chancen für Wohnprojekte in ländlichen Räumen“. Ca. 60 Teilnehmende vor Ort und 30 online diskutierten mit uns über Erfolgsfaktoren und unerwartete Chancen: Wenn die Bedarfe alteingesessener Nachbarn in die Entwicklung von Gemeinschaftsflächen miteinbezogen werden, kann schnell eine stabile Verbindung mit dem lokalen Gemeinwesen gelingen. Wie schon bei den SPES-Projekten, entstehen so keine Inseln sondern Netzwerke. Gegenseitige Hilfe verbindet Zugezogene mit Menschen vor Ort. Dadurch ergeben sich auch mal ganz neue unerwartete Ideen: Der Bauer, der von Getreideanbau auf Gemüse umstellt, weil durch das „Cohousing Pomali“ ein neuer Abnehmer vor Ort ist oder die Gründung eines Kindergartens, die sich mit dem Zuzug der Cohousing-Familien endlich lohnt. Darum, all diese Erfahrungen zu bündeln, kümmert sich die INIGBW als Dachverband der gemeinschaftlichen Wohnprojekte in Österreich.

Impulsvortrag Alistair Adam-Hernández
Impulsvortrag zum Thema des Abends: Unser Kollege Alistair Adam-Hernández zu den Bedingungen des Wohnens im ländlichen Raum aus deutscher Perspektive
Podiumsdiskussion
Beim anschließenden Podium diskutierten (von links nach rechts): Katharina Lechthaler (Wohnprojekt Pomali), Johanna Leutgöb (Wohnprojekt BROT-Pressbaum), Moderatorin Michaela Moser (Wohnprojekt Wien), Mitveranstalter Leo Baumfeld – Partner der ÖAR GmbH (Perspektive Region), unsere Kollegin Irmina Körholz (zwgl, Eutin) und Heinz Feldmann (Wohnprojekt Wien)

Dank und Transfer der Erfahrungen

Wir sind all den Menschen sehr dankbar, die uns mit so viel Herzlichkeit und großzügiger Gastfreundschaft in ihren Projekten empfangen haben und freuen uns auf weitere Gelegenheiten, Inspirationen in Österreich zu sammeln! Davon profitieren dann auch die von uns begleiteten Gruppen, an die wir innovative Ansätze weitergeben können, um ihnen auch in Norddeutschland zur Umsetzung zu verhelfen. Einen Überblick über unser Beratungsangebot findet sich hier auf unseren Internetseiten.

Skip to content